Gestern wie heute? – Sonntagsschule/Kindergottesdienst im Wandel der Zeit

Während meiner Arbeit als Sonntagsschulsekretärin komme ich viel mit ehrenamtlich Mitarbeitenden zusammen. Im Kontext von Schulungen ist es dann für mich wichtig zu wissen, ob die Mitarbeitenden aus dem Bereich Arbeit mit Kindern von Sonntagsschule oder Kindergottesdienst sprechen und ob sie damit besondere Vorstellungen verbinden. Die Frage nach den Zielen ihrer Arbeit ist genauso wichtig, wie zu wissen mit welchem Material sie arbeiten und wie die Arbeit mit den Kindern im Kontext der Gemeinde  eingebunden ist. Es ist wichtig zu wissen mit welcher Motivation die Mitarbeitenden ihre Gruppe leiten und natürlich ist es wichtig zu wissen,  wie viele Kinder in die Gruppe/n kommen, wie alt sie sind und welche Erfahrungen sie mitbringen. Sonntagsschule oder Kindergottesdienst. macht das einen Unterschied? Woher stammen diese Begriffe und womit füllen wir sie heute?

Für alle, für Entmutigte, für Zweifelnde, für die Begeisterten und die hoch Motivierten ist dieser Artikel. Er gibt einen kurzen, holzschnittartigen Abriss über die Entstehung der Sonntagsschule und erzählt  von alten Ideen, die uns heute noch zur Quelle unserer Arbeit mit Kindern werden können. Bei der Beschäftigung mit vielen Texten hatte ich so einige „Aha“ Erlebnisse. “Typisch methodistisch“, dachte ich an vielen Stellen. Mithilfe einer umfangreichen Studie von Karl Heinz Voigt „Internationale Sonntagsschule und deutscher Kindergottesdienst“ von 2007, eröffneten sich mir spannende Zusammenhänge. Sonntagsschule ist etwas typisch Methodistisches und es brauchte viele Männer und Frauen, echte Quer und Freidenker*innen, die diese kleine Idee zu einer so wichtigen und weltweit für alle Kirchen wertvollen Sonntagsschulbewegung machten.

Vielleicht stecken uns die Ideen und die Ziele der Sonntagsschulpioniere im  18. und 19. Jahrhundert an?  Doch zunächst ein Blick auf den Anfang.

Wie alles begann…

Es war einmal… so beginnen eigentlich Märchen und in der Rückschau erscheint es zuweilen auch so, wenn man die Erfolgsstory von Sonntagsschulen in England, Europa, einfach weltweit und durch viele Denominationen hindurch betrachtet. Alles begann mit  Robert Raikes, Journalist und Eigentümer des „Gloucester Journal“  und seinem Traum dem Elend das ihm umgab etwas Wirksames entgegenzusetzen, nämlich Bildung. Als Christ fühlte er sich für die gesellschaftliche Entwicklung mitverantwortlich. Er kritisierte das Gefängniswesen, den Alkoholmissbrauch und die schlimmen Verhältnisse in denen Arbeiterfamilien leben mussten. Kinder, die unter der Woche unvorstellbar hart mit für den Lebensunterhalt ihrer Familien arbeiten mussten und keine Schule besuchen konnten, trieben sich sonntags in den Straßen von Gloucester, England, herum. Sie fanden sich zu Banden zusammen, waren laut und stellen so einiges an. Ihm ging das zu Herzen. Er wollte diesem Übel ein Ende bereiten und prangerte in seiner Zeitung diese  Missstände an. Und dann startete er 1780 sein Experiment über das er später auch weiter in seinem Journal berichtete. Gemeinsam mit seinem Freund Thomas Stock, einem Hilfsgeistlichen der anglikanischen St. Johns Church gründete er die erste Sunday Charity School. Damit hatte sie genau den Nerv der Zeit getroffen: Bildung und Abwechslung für die Kinder der Ärmsten. Das kam an und so hatte er Erfolg. Die Sunday School hatte einen so großen Zulauf, dass sich immer mehr Sunday Schools bildeten und bald musste er Menschen finden, die sich als Sunday Schoolteacher für ein paar Schillinge anstellen ließen, um an Sonntagen die Kinder der Straße aus armen Familien zu unterrichten.

Hannah Ball, Wesley und Raikes

Einige Jahre zuvor hatte eine methodistische Christin, Frau Hannah Ball aus High Wyombe, 1769 ähnliche Beobachtungen wie Raikes gemacht. Sie war von einem tiefen Glauben und einer großen Liebe zu Kindern ergriffen. Sie stand im Briefwechsel mit John Wesley. Sie unterrichtete sonntags und montags ihre „kleine wilde Gesellschaft“ und setzte so Hoffnungszeichen für die armen Kinder an diesem Ort. Sie wurde Vorbild für viele andere oft einfache Männer und Frauen, die sich dann ebenso für Kinder aus prekären Verhältnissen einsetzen und sie unterrichteten. John Wesley, der Begründer unserer Kirche, stand auch mit Robert Raikes in Kontakt. Man könnte sagen, sie waren gemeinsame Streiter gegenArmut, Unrecht, Alkoholmissbrauch, Verrohung der Gesellschaft, und für Gerechtigkeit und Bildung. Wesley veröffentlichte in dem sehr weit verbreiteten, methodistischen „Sprachrohr“ Raikes Ideen zur Sunday Charity School. Die Ziele der Sunday School waren dreigeteilt: 1. Sie vermittelten elementare Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen und legten so die Grundlage für eine gesellschaftliche Integration; 2. Sie sollten den Kindern helfen, durch einfache pädagogische Hilfen und Verhaltensregeln neben ihrer Erwerbsarbeit zu einer sinnvollen Tätigkeit zu finden; 3. Sie sollten in von Christen geführten Sonntagschulen biblische Geschichten und geistliche Lieder lernen. Kurz gesagt: in der Sonntagsschule sollten die Kinder lesen, schreiben, rechnen lernen, den Katechismus wiederholen und andere Kenntnisse gewinnen, die ihre Gesinnung gegenüber Gott, ihren Mitmenschen und sich selbst veränderten. Um die Schwelle niedrig zu halten und möglichst viele Kinder erreichen zu können, gab er folgende Regel aus: „Von den Kindern der Armen erwarte ich nichts weiter als gewaschene Hände und Gesichter und gekämmte Haare.“ Alle durften kommen. Alle waren eingeladen.

Die Verbreitung der Ideen von Sonntagsschule in den methodistischen Gemeinschaften, den sogenannten Societies, verdanken wir John Wesley. Die Societies verstanden sich als Connection, als durch den Glauben zutiefst verbundene.  So entstanden zunächst um London herum und dann bis hoch in den industrialisierten Norden viele  Sonntagsschulen. Drei Dinge scheinen wesentlich für den Erfolg von Sonntagsschule zu sein: 1. die lebendigen, von der Erweckung und Liebe erfassten Gemeinden und Gemeinschaften und 2. dass ab 1800 die Sunday Schoolteacher kostenlos den Unterricht erteilten, sich so zu einer kraftvollen, ehrenamtlichen Struktur-/Laienbewegung weiter entwickelte und 3. dass es überkonfessionell organisierte Dachverbände gab, die im späten 19. und weiter im 20. Jahrhundert die Bewegung zusammenhielten und u. a. auch Leitlinien, Arbeitshilfen verfassten. Die Great Queen Street Society und die London Sunday School Union. Beide förderten kirchliche Bildungsarbeit, lieferten Praxisbeispiele, gaben auch mehrfach finanzielle Unterstützung wo es nötig schien. Und wenn man heute zurückschaut, bestätigt sich John Wesleys Vision von 1784 als er sagte: „Es scheint, sie [die Sonntagsschule] wird ein wichtiges Mittel zur Belebung der ganzen Nation sein!“.

Wie die Sonntagsschule übers Meer nach Deutschland kam

Die methodistische Great Queen Street Gemeinschaft war maßgeblich daran beteiligt, dass  die Idee der Sonntagsschule u. a.  durch Johann Gerhard Oncken, der sich später baptistisch taufen ließ und einen Verlag gründete,  nach Deutschland kam. 1818 war Oncken oft in der Great Queen Street Gemeinde und lernte dort die Sunday School kennen. Er berichtet selber: „An einem Tag hörte ich dort eine Predigt über Römer 8,1, die mich so herrlich in die Freiheit der Kinder Gottes versetzte. Das war für mich der Beginn eines neuen Lebens, sodass ich von der Kapelle jauchzend und unaussprechlich glücklich heimging“. 1823 kam Oncken dann nach Hamburg und gründete 1825 seine erste Sonntagsschule. Die Arbeit in Hamburg und Bremen ähnelten sich derer in London. Es gab viele arme Kinder und eine große Bildungsnot. Die sogenannte englische Sonntagsschule war nicht zwangsläufig an eine Gemeinde gebunden. Oft waren sie überkonfessionell organisiert. Ja, im frühen Sinne ökumenisch und im besten Sinne auch multikulturell und global. Manche bezeichnen deshalb im Rückblick die Sonntagsschulbewegung als eine der frühen, wirklich ökumenischen Bewegungen.

Eigentlich hätten sich Johann Gerhard Oncken und der Württemberger Christoph Gottlob Müller begegnen können. Dieser war in den Wirren der napoleonischen Feldzüge nach London geflohen. Von 1806 bis 1830 war er zunächst auch in der Great Queen Street Gemeinschaft und nachdem er seine Glaubensgewissheit fand, war er in Highland und Finchlay aktiv. Als er 1830 nach Winnenden zurückkehrte, begann auch er eine Arbeit mit Kindern und gründete eine  Sonntagsschule. Die soziale  Not der Kinder war in der von Landwirtschaft  geprägten dörflichen Umgebung bei weitem nicht so stark, wie in der Großstadt London. Dennoch fand die Sonntagsschule auch hier in Winnenden einen regen Zulauf und entwickelte sich bis  1834 zu einer Art „Modell“ für andere methodistische Gemeinden. Das  führte zu vielen weiteren Gründungen von Sonntagsschulen im Umland. In Württemberg wurde 1836 die Schulpflicht für Mädchen und Jungen eingeführt. In manchen deutschen Gebieten schon erstaunlich früher und zwar bereits Mitte des 16. Jahrhunderts. Auslöser war Martin Luthers Schrift an alle Ratsherren der deutschen Städte. Er forderte sie auf christliche Schulen aufzubauen und zu halten. Doch Kinder die Erwerbstätig waren, mussten auch weiterhin nicht zur Schule. Eine allgemeine Schulpflicht, bis zum 18. Lebensjahr, gibt es im gesamten deutschen Gebiet, erst seit 1919, dem Beginn der Weimarer Republik. All das hatte Einfluss auf die Sonntagsschulbewegung. Wenn Grundkenntnisse wie Lesen, Schreiben und Rechnen durch die allgemeinen Schulen abgedeckt waren, verschob sich der Schwerpunkt der Sonntagsschulen. Wo Biblische Geschichten, Gebete, Lieder mehr das Lehrmittel waren um Lesen und Schreiben zu lernen, wurde nun die Unterweisung christlich religiöser Inhalte der eigentliche Mittelpunkt. Im Laufe der Zeit wurde deutlich, dass es um Kindern den Glauben wirklich nahe zu bringen, nötig sei, die Inhalte auch kindgemäß zu verpacken. Es war die Zeit der Reformpädagogen wie Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), Friedrich Fröbel (1782-1852) oder Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), die einen großen Einfluss auf das Verständnis von Kindheit als solche hatten. Somit auch auf frühkindlicher Bildung und die frühe religionspädagogische Arbeit mit Kindern.

So langsam wird deutlich, dass sich eine Veränderung vollzog. Die Idee der Sonntagsschule verbreitete sich schnell. Hier ein kleiner Blick auf eine Statistik aus der Zeit 1873 vom Laien Wilhelm Bröckelmann/Heidelberg (EZA Best.7/2525): Es wurden insgesamt 366 Sonntagsschulen innerhalb der Landeskirchen und ganze 391 Sonntagsschulen für folgende Einrichtungen erfasst: ev. Brüdergemeinde/Elberfeld 23, Freie ev. Gemeinden/Elberfeld 15, Wesleyanische Methodisten Waiblingen 19, Judenmissionar James Craig/Hamburg +Bonn 6, Baptisten/Hamburg 110, Methodistenkirche/Frankfurt + Bremen 117, ev. Gemeinschaft (heute ein Teil der EmK) 70 und Brüderbewegung/Darbysten 30. Weitere 461 Sonntagsschulen waren im Bereich der Diakonissenhäuser und der Missionsseminare angesiedelt.

Die Idee der Sonntagsschule war durch die Freikirchen nach Deutschland gekommen. Sie beschrieben damit die freiwillige, kirchliche Gruppenarbeit mit Kindern. Den Ev. Landeskirchen war das aus mehreren Gründen nicht so recht und es entfachte sich eine weitreichende Diskussion um Namen und Inhalt in den Verbänden und Kirchen. Die Landeskirche formulierte das für sich so: „Die Sonntagsschule bildet einen evangelischen Kindergottesdienst, in welchem die Kinder sonntags auf dem Grund des Wortes Gottes erbaut werden, durch Mithülfe von Laien unter pastoraler Aufsicht und Leitung.“ Den Kirchen, die die Reformation ausgelöst haben und auf einen hohen wissenschaftlichen Standard in der Theologie blicken konnten, war es wohl von Anfang an sehr befremdlich, durch die Sonntagsschulbewegung aus dem angelsächsischen Ausland so unmittelbar beeinflusst zu werden. So fand sie ihren strukturellen Platz zunächst bei der Inneren Mission. Erst als die eingedeutschte Name Sonntagsschule auch namentlich in Kindergottesdienst verändert wurde, fand sie ihren Platz in den verfassten, evangelischen Kirchen. Spannend wahrzunehmen wie sich die gesellschaftspolitischen Hintergründe darauf auswirkten. Im ausgehenden 19. Jahrhundert standen in Deutschland alle Lebensbereiche, auch die Theologie und die Kirche unter einer patriotisch-nationalen Gesinnung. Sonntagsschule, freikirchlich geprägt und aus dem angelsächsischen Raum stammend, als starke Laienbewegung unglaublich erfolgreich, musste fast zwangsläufig gezähmtwerden. Die klare theologische Linie der ev. Kirche sollte auch strukturell gewahrt bleiben.

Und so wurden aus den landeskirchlichen Sonntagsschulen nach und nach Kindergottesdienstgruppen. Fürderhin gab es zwei Begriffe für die christlich-kirchliche Bildungsarbeit mit Kindern: Sonntagsschule und Kindergottesdienst.

Das ist nun alles sehr verkürzt erzählt. Es fehlen einige wichtige Persönlichkeiten,  die weitere Prägungen nach Deutschland brachten. Auch wäre ein Blick auf die Entwicklung der Sonntagsschulbewegung in Amerika und ihren Einfluss auf die Methodistischen Gemeinden  interessant und sicher an manchen Stellen aufschlussreich. Mehr dazu gern an anderer Stelle.

Schauen wir jetzt lieber auf die Arbeit mit Kindern, im Besonderen auf die heutigen Sonntagsschulen, hier bei uns in der Süddeutschen Jährlichen Konferenz der Evangelisch methodistischen Kirche.

Zahlen und Fakten heute, Stand Januar 2016

Als Sonntagsschulsekretärin flattern mir alljährlich die Statistikbögen auf den Schreibtisch. Allerdings füllen sie nicht immer alle Gemeinden aus, mancher vergisst es einfach, andere halten es nicht für „sooo wichtig“. Aber viele unterstützen unsere Arbeit eben mit dieser wichtigen, alljährlichen Abfrage. So kann ich hier nun Ergebnisse aus 143 Rückmeldungen  der SJK Gemeinden/Bezirke darstellen. Unter den Rückmeldungen finden sich eine Splotsch-Outdoor Kindergruppe, 5 Kinderwochenstundengruppen, 6 Wesley Scout Gruppen, 14 Eltern-Kind Gruppen, 25 Jungschargruppen und 84 Sonntagsschulgruppen. Dazu kommt eine beachtliche Anzahl an sozial-diakonischen Gruppen, die hier leider nicht erfasst werden. Hierzu zählen beispielsweise Spielplatzgottesdienste, Hausaufgabenbetreuung, Winterspielplätze, Mittagstische für Kinder u.v.m. Die Gruppen werden in der Regel von ehrenamtlichen Mitarbeitenden gestaltet und verantwortet. Die Gruppengrößen variieren von zwei bis zu 40 Kinder. Bei besonderen Aktionen wie Freizeiten, Zeltlagern, Musicalwochen oder Kinderbibelwochen sind es oft deutlich mehr. Eine große Anzahl an ehrenamtlich Mitarbeitenden verschenkt ihre freie Zeit um Kindern das Evangelium nahe zu bringen, und um Kindern eine gute christliche Bildung zukommen zu lassen, die sie befähigen ihren eigenen Glauben zu entdecken, zu gestalten, zu leben. Ist das nicht ein Grund hoffnungsvoll zu sein?

Regenbogenkinder, Bibelentdecker, Kirchenmäuse und Glaubensforscher

Sonntagsschule, was ist das heute in unserer Kirche? Viele sagen auch Kindergottesdienst und beides kann in meinen Augen gut nebeneinander stehen. Wenn wir unsere Arbeit mit den Kindern „Sonntagsschule“ nennen,  weisen wir damit auf die historischen, freikirchlich-ökumenischen Wurzeln zurück.  Nennen wir sie „Kindergottesdienst“ verweisen wir stärker auf den Inhalt, nämlich miteinander Gottesdienst zu feiern. Welcher Begriff ist der „bessere“? Oder spielt das in unserem EmK Kontext keine Rolle? Einige Gemeinden haben mit den Kindern gemeinsam überlegt, wie ihre Gruppe heißen soll und was sie sich von der Sonntagsschule, dem Kindergottesdienst erwarten. In der EmK Herrenberg nennt sich die Sonntagsschule seit diesem Jahr „Glaubensforscher“. Andere Gemeinden nennen ihren Gruppen Kirchenmäuse, Bibelentdecker, Abenteuer- oder Entdeckerlandkinder… in jedem Falle verstehen sich die Mitarbeitenden und Kinder als Gemeinschaft, die fröhlich und neugierig miteinander unterwegs ist um das Geheimnis des Glaubens zu entdecken. Damals wie heute wünschen wir uns für unsere Kinder eine gute christliche Bildung sowie einen guten Start ins Leben. Werte und Haltungen, die sich als tragend und im Leben hilfreich erweisen. Gemeinschaft die mehr ist als ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten, oder eine Leidensgemeinschaft von Verwahrten, damit die Eltern den Gottesdienst genießen können. Sonntagsschule und Kindergottesdienst, überhaupt all unsere Arbeit mit Kindern soll Raum für  Fragen, Zweifel, neue Erfahrungen bieten. Kinder, die von Anfang an Teil der Gemeinde sind und ihren festen, eigenen Platz haben, wachsen hinein, können Wurzel schlagen und Heimat finden. Vielleicht sogar von Anfang an daran gewöhnt werden mitzubestimmen, mitzugestalten, sich einzubringen und zu entdecken welche Talente und Gaben sie haben. Unsere Arbeit heute ist eine ganzheitliche, religionspädagogische Arbeit. Wir stellen uns auf die Kinder ein, vermitteln unsere Inhalte kindgemäß und sehr kreativ. Wir  sehen uns nicht mehr als Lehrer*innen, sondern vielmehr als Begleiter*innen der Kinder. Wir erzählen von unserem Glauben und dessen Bedeutung für unseren Alltag. Wir suchen und fragen miteinander und feiern Gottesdienst. Zur Unterstützung gibt es viele gute Arbeitshilfen. Auf Schulungen können wir Mitarbeitende aus anderen Gemeinden treffen, Neues lernen und uns austauschen. Die Bedingungen für unsere Arbeit mit den Kindern haben sich enorm verbessert. Dass unser Leben facettenreicher, komplexer und dadurch gefühlt komplizierter wurde, zieht sich durch alle Lebensbereiche unserer pluralistischen Gesellschaft. Klar, dass sich dies dann auch in der Sonntagsschule/dem Kindergottesdienst widerspiegelt. Im Großen und Ganzen meistern unsere Mitarbeitenden diese vielfältigen Aufgaben im Bereich Arbeit mit Kindern sehr gut. Besonders dort wo die ganze Gemeinde bewusst hinter dieser wichtigen Arbeit steht und sie ihr Taufversprechen als Gemeinde ernst nehmen. Eben dort wo Wertschätzung geschieht und den ehrenamtlichen Mitarbeitenden Freiräume und genug Ressourcen zur Verfügung stehen. Kirchenmäuse, die die ersten Biblischen Geschichten entdecken und Glaubensforscher die in Familiengottesdiensten schon mal laut und kritisch theologisieren, sind Hoffnungsträger für unsere Gemeinden, für unsere Kirche.

Aha!

John Wesley hatte recht, als er sagte: „Es scheint, sie [die Sonntagsschule] wird ein wichtiges Mittel zur Belebung der ganzen Nation sein!“ Die Sonntagsschulbewegung im 18. und 19. Jahrhundert brachte tatsächlich eine Belebung. Sie war eine ökumenische und multikulturelle Bildungsoffensive gegen die Verwahrlosung, Verrohung und Armut von Kindern und deren Familien. Sie veränderte auch den Glauben vieler Christen, die vom Hören ins Handeln kamen. Und es veränderte das Leben von hundert tausenden von Kindern. Sie ging zunächst von einzelnen aus, die all ihre Beziehungen und Netzwerke, ihre finanzielle Ressourcen, ihre Kraft und Zeit einsetzen, um erkannte Notstände zu mildern. Menschen, von Gottes Liebe ergriffen, bezeugten ihren Glauben durch ihr Handeln. Es ging in erster Linie nicht darum neue Mitglieder für die Gemeinden zu generieren oder neue Mitarbeiter*innen heranzuziehen. Es ging darum das Evangelium zu leben, die Lebensumstände  für die Kinder zu verbessern und sie aus dem Kreislauf der Armut zu befreien. Mit einer tiefen Überzeugung, dass christliche Werte und Haltungen, ja, dass in einem christlichen Lebensstil und in der Bibel selbst der Schlüssel „zur Freiheit der Kinder Gottes“ (Römer 8,21) steckt. Und da können wir auch heute anknüpfen: Sonntagsschule oder Kindergottesdienst? Es kommt auf den Inhalt an, auf die  wirklich befreiende Botschaft Jesu Christi. Das kann radikale Folgen haben. Ein großes Beispiel, das manche schon kennen ist KIM Kinder in München. Die EmK Erlösergemeinde hat mutig ein großes Bildungskonzept verwirklicht. Und ein „kleines-großes“ Beispiel aus der EmK Birkenfeld, wo aus einer kleinen Eltern-Kind-Gruppe, im Laufe von wenigen Jahren, mehrere entstanden. Viele kirchenferne Kinder samt Eltern fanden eine christliche Prägung und Unterstützung in der frühkindlichen Erziehung. Und ganz neu in Friedrichsdorf, wo aus der Mitte der Kinder und Eltern der Überraschungskirche der Wunsch nach einer Krabbelgruppe entstand, die nun angeboten wird. Es könnten hier noch viele weitere Beispiele aufgezählt werden, auch ganz kleine. Alles sind Hoffnungszeichen, alle sind wie ein Senfkorn. Vielleicht haben wir manches Mal falsche Ziele im Blick. Vielleicht lassen wir uns von ökonomischen Zwängen allen Mut rauben. Vielleicht leben wir unsere Liebe nicht hingebungsvoll genug, vielleicht verschwenden wir uns auch, oder wir sehen einfach nicht, wie das kleine Körnchen schon lange aufgegangen ist, weil wir immer nach oben schauen, anstatt auf die Erde, wo das Pflänzchen wächst. Lasst euch von diesem Einblick in die Sonntagsschulbewegung anstecken und lasst euch er-neut von Gottes Liebe anstecken und sehen, was passiert.

Eure Sonntagsschulsekretärin Karin Toth, KJW-Süd, August 2016

Veröffentlicht in der Update 01/2017